Website-Relaunch: Fuck-up-Story?

Geplant waren für den Relaunch unserer Website sechs Monate. Gedauert hat es mehr als 4 Jahre. Ist das Scheitern? Von außen betrachtet vielleicht. Für uns ist es aber eher eine Chance. Eine Chance, zu lernen, zu verändern und zu wachsen. Was wir gelernt haben und warum wir trotzdem nichts anders machen würden, erfahrt ihr in der ersten Folge des DAHAG-Podcasts „Verhört“.

Hier Podcast-Folge zum Relaunch anhören!

„Am Anfang wurden unsere Seiten mit Word gemacht. Dafür haben wir ein Rechtslexikon abgetippt. Es gab kein CMS, mit dem man irgendwas verwalten konnte und es gab auch keine Möglichkeit, Texte zu ändern.“ Jonas Zimmermann ist heute einer von drei Vorständen der DAHAG. Aber auch wenn er zu diesen frühen Anfängen noch gar nicht im Unternehmen war, kennt er die DAHAG-Website noch genau so. Die existierte nämlich in dieser Form mehr als 10 Jahre. Es war also irgendwann klar: So geht es nicht mehr. Eine neue Website muss her. Schnell war mit Tobias Baader auch ein Projektverantwortlicher gefunden, der mit Relaunchs jede Menge Erfahrung hatte – und mit einem Plan antrat, der nach maximal sechs Monaten in einer neuen Website münden sollte. Das ist jetzt fast fünf Jahre her. Seit einer Woche ist besagte Website online.

 Als Tobias den Job als Leiter der Abteilung „Web & Marketing“ übernahm, brachte er eine völlig neue Perspektive mit. Er hatte Erfahrungen in der Arbeit in einer großen Agentur. Die DAHAG funktioniert und arbeitet dagegen noch heute wie ein Startup: schnell, flexibel und bewusst auch nach der Trial-and-error-Methode. Da stießen Welten aufeinander, was bei uns gewollt ist und normalerweise Denken und (Zusammen-)Arbeiten beflügelt. Ausgerechnet beim Website-Relaunch hat es aber zunächst für Probleme gesorgt. „Ich hab den Modus angesetzt, den ich aus der Agentur kannte. Dort haben wir einen Relaunch eher technisch betrachtet: Wir haben das CMS, also das technische Gerüst, geliefert, aber die Inhalte und die Ausrüstung kamen vom Kunden“, erinnert sich Tobi. „Auch hier habe ich mich selbst so gesehen: Ich liefere das Vehikel, damit wir losfahren können, und die Redaktion kümmert sich um den Rest.“

Kampf um die IT

Die Redaktion war es aber gar nicht gewöhnt, die Website aktiv zu gestalten. Texte schreiben. Texte veröffentlichen. Ende. So sah bis zu diesem Zeitpunkt die Arbeit der Redakteure aus. Weil die Websitebeiträge nur aufwendig über Eingriffe in die Datenbank geändert werden konnten, gab es keine Aktualisierungen oder Überarbeitungen der Texte. Dafür hätte es jedes Mal IT-Ressourcen gebraucht und die waren damals schon knapp.

Ein weiteres Problem, das den Relaunch verzögert hat: Die Website band jede Menge Mannstunden, verdiente aber zunächst nicht direkt Geld und war an keine Deadline gebunden – anders als andere Projekte, die wir in derselben Zeit für wichtige Großkunden realisiert haben. Also wanderten die IT-Ressourcen immer wieder zu anderen Projekten.

Externes CMS? Eine Frage der Ehre

Die Entwicklung eines CMS auszulagern, kam aber auch nicht in Frage. „Wir haben schon immer alle unsere Systeme selbst entwickelt. Das ist tief in unserer DNA verankert und darauf waren wir unglaublich stolz“, erinnert sich Jonas. Doch „HoBa“, unser eigenes CMS, löste unsere Probleme nicht. Mit jeder Anforderung, die Tobi und die Redaktion an die Verwaltung der Website stellten, kam eine neue Komponente hinzu. Und damit endlich alle zufrieden sind, wurde hierbei oft  „quick and dirty“ programmiert. Das ging so lange gut, bis jemand eine Änderung an genau dieser Komponente brauchte. „Das war dann häufig nicht möglich, weil wir Angst hatten, damit das ganze System zu zerstören“, sagt Jonas.

Trotzdem: Ein externes CMS kam auch weiter nicht in Frage. Dem stand nämlich noch so ein Glaubenssatz im Weg. Nach „Wir programmieren alles selbst“, galt lange Zeit auch „Wir nutzen nur Systeme aus der Microsoft-Welt“ als unumstößliche Regel. „Glaubenssätze haben das Projekt von Anfang an bestimmt“, sagt Jonas und bereut, dass er sie nicht früher auf den Prüfstand gestellt hat. Denn als diese alten Regeln einmal über Bord geflogen waren, ging plötzlich alles ziemlich schnell: Wir entschieden uns für TYPO3, holten einen freiberuflichen Entwickler ins Boot, erstellten ein Konzept und einen Fahrplan für den Relaunch und arbeiteten beide ab. Wir bekamen auf einmal Ergebnisse, waren produktiver und das Website-Team glücklicher. „Diese Erkenntnis hat ein bisschen geschmerzt, denn ich musste ja zugeben, dass ich Ewigkeiten nach den falschen Vorgaben gedacht und agiert hatte“, sagt Jonas.

Mehr Mut und wenige Rücksichtnahme

Mehr Mut und weniger vorauseilende Rücksichtnahme – so würden Jonas und Tobi heute an einen Relaunch oder andere Großprojekte herangehen. Vor allem Mut, offener zu kommunizieren und Dinge abzubrechen, auch wenn schon viel Arbeit drinsteckt. „Wir haben uns an einem bestimmten Punkt nicht mehr getraut, die Arbeit an HoBa einzustampfen – auch weil wir dachten, die Entwickler, die im Haus jahrelang Arbeit und Mühe investiert haben, wären dann traurig“, sagt Jonas. Allerdings: Gefragt hat er die Betroffenen nie, wie sie sich damit fühlen würden.

Das ist heute anders. Wir reden mehr und mit unterschiedlichen Menschen, wenn es um ein großes Projekt geht – und ohne Zuckerwatte außen rum. „Wenn wir ohne Watte reden, dann tut es kurz weh, aber langfristig fühlt es sich besser an“, sagt Jonas.

Externe Hilfe ist kein Zeichen von Scheitern

Und das gilt auch bei Hilfe von einem externen Profi. Jemanden von außen zu holen, ist eben kein Eingeständnis von Scheitern. Manchmal ist es einfach wichtig, um die die richtige Perspektive zu finden: „Wenn jemand von außen kommt und schlaue Fragen stellt und du bereit bist, zuzuhören, dann stellst du fest: Wir wissen und können doch nicht alles. Aber es gibt Dinge, die können wir richtig gut. Die machen wir jetzt. Und für alles andere holen wir uns Hilfe von außen“, fasst Jonas zusammen.

Und ein weiteres Learning: Bevor wir anfangen, klären wir die großen Fragen eines Projekts. Damit wir danach alle in dieselbe Richtung gehen. Denn auch das war ein Problem des Relaunch: Alle Beteiligten hatten eine andere Vision der neuen Website. Wollen wir eine reine Informationsplattform sein oder eine Seite, die verkauft? Wollen wir nur viele Besucher oder setzen wir vor allem auf konversionsstarken Content? Wollen wir Endkunden erreichen oder auch Großkunden? Über diese Visionen haben Vorstand und Projektverantwortliche lange, häufig, intensiv und immer wieder geredet. „Um die grundlegenden Fragen zu klären, hätten wir den Konflikt wagen müssen, aber das haben wir uns nicht getraut. Wir standen ständig im Austausch und haben uns deshalb produktiv gefühlt, aber voran kamen wir nie“, erinnert sich Jonas. Stattdessen hätte jeder für jeden und jede Position Verständnis gehabt – und so sei lange einfach keine umgesetzt worden.

Sekt und eine Erkenntnis       

Trotzdem, unser Fazit zum Relaunch ist positiv. Und das liegt nicht nur an dem Sekt, mit dem wir den Zieleinlauf gefeiert haben. Ja, fast fünf Jahre waren zu lang für einen Website-Relaunch. Aber sie waren genau richtig, um zu lernen, wie wir mit Großprojekten dieser Art in Zukunft umgehen wollen.

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