Nie mehr Juristendeutsch: 5 Tipps für gute und zugleich präzise Texte

Juristen sind Kommunikationsprofis. Sie haben gelernt, präzise, korrekt und umfassend zu argumentieren. Einziges Problem: Für den Laien ist das Juristendeutsch oft schwer zu verstehen. Das wird zu einem echten Hindernis, wenn es zum Beispiel um Beiträge auf der Kanzleiwebsite geht, die eine breite Zielgruppe informieren sollen. Doch es ist möglich: Texte können gleichzeitig verständlich, leicht zu lesen und trotzdem korrekt sein. Wie das geht, lesen Sie in diesem Ratgeber.

Ein Text, der juristische Fragen klärt, liest sich nicht wie ein Liebesroman. So ist das eben. Die Korrektheit hat in diesen Fällen immer Vorrang vor der Schönheit. Aber auch ein Text, der juristische Fragen klärt, kann verständlich und kurzweilig sein. Oft reicht es dafür, ein paar kleine sprachliche Stellschrauben zu drehen.

 

1. Kurze Sätze

Teilen Sie lange Sätze einfach in zwei oder drei kürzere Sätze. Der Inhalt bleibt dabei erhalten, der Text bleibt also sachlich vollkommen korrekt. Aber das menschliche Gehirn kann einfache Sätze besser erfassen und verarbeiten als Konstruktionen aus Verschachtelungen, Einschüben und zahlreichen Nebensätzen. Das hängt ganz einfach damit zusammen, dass der Leser bei einem komplizierten Satz den Anfang vergessen hat, wenn er am Ende angekommen ist. Wer aber nicht mehr weiß, wie es losging, kann auch die Gesamtinformation nicht aufnehmen.

Das heißt nicht, dass Sie ab sofort nur noch Hauptsätze benutzen sollen. Ihr Text soll ja trotzdem lebendig klingen. Aber beschränken Sie sich auf jeweils einen kurzen Einschub oder einen Nebensatz und beginnen danach lieber einen neuen Satz.

Beispiel

Original: „Soweit ein Tarifvertrag nicht für allgemeinverbindlich erklärt oder die Geltung für das individuelle Arbeitsverhältnis einzelarbeitsvertraglich zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber vereinbart wurde, gilt der jeweilige Tarifvertrag, der zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern verhandelt wurde, nur für die Mitglieder der Tarifvertragsparteien, also den Unternehmen, die Mitglied im aushandelnden Arbeitgeberverband sind und den Arbeitnehmern, die Mitglied in der jeweiligen Gewerkschaft sind.“

Leichte Sprache: „Ein Tarifvertrag gilt zunächst nur für die Mitglieder der Tarifvertragsparteien. Damit sind der Arbeitgeberverband und die Gewerkschaft gemeint, die den Vertrag abgeschlossen haben. Für Ihre Mitglieder gilt der Tarifvertrag automatisch. Damit ein Tarifvertrag darüber hinaus auch für andere Arbeitsverhältnisse gilt, kann er für allgemeinverbindlich erklärt werden. Alternativ kann im individuellen Arbeitsvertrag vereinbart werden, dass der Tarifvertrag für das einzelne Arbeitsverhältnis gelten soll.“

2. Aktiv statt Passiv

Gerade unter Juristen sind Passivformulierungen sehr beliebt. Von Passiv spricht man in der Sprache immer dann, wenn etwas mit einer Person oder einer Sache gemacht wird. Im Gegensatz dazu sind Aktivformulierungen Dinge, in denen eine Person Dinge tut. Passivformulierungen schaffen eine professionelle Distanz, aber die sorgt leider auch dafür, dass ein Text oft schlechter lesbar ist. Prüfen Sie deshalb, ob Sie einzelne Passivformulierungen nicht durch aktive Sprache ersetzen können. Oft reicht es schon, diese Veränderung an zwei oder drei Stellen im Text vorzunehmen. Wo die allgemeine, distanzierte Passiv-Formulierung aus juristischer Sicht notwendig ist, kann sie bestehen bleiben. Durch die Veränderung an den weniger sensiblen Stellen wird der Text meist trotzdem besser.

Beispiel

Original: „Soweit ein Tarifvertrag nicht für allgemeinverbindlich erklärt oder die Geltung einzelarbeitsvertraglich vereinbart wurde, gilt der jeweilige Tarifvertrag nur für die Mitglieder der Tarifvertragsparteien.“

Leichte Sprache: „Solange das Bundesarbeitsministerium einen Tarifvertrag nicht für allgemeinverbindlich erklärt oder der Arbeitsvertrag eine entsprechende Regelung vorsieht, gilt der Tarifvertrag nur für die Mitglieder der Tarifvertragsparteien.“

3. Verbal- statt Nominalstil

Texte, die einen offiziellen Charakter bekommen sollen, werden häufig im Nominalstil verfasst. Das bedeutet: Der Text enthält extrem viele Nomen (Substantive). Selbst Wörter, die im Ursprung Verben sind, werden substantiviert oder bürokratisiert. Häufig erkennen Sie diese an der Endung „-ung“. Letzteres finden Sie vor allem in Behörden-Texten ständig. Wenn Sie diese Sätze prüfen, werden Sie feststellen, dass Sie Ihre Nomen häufig ganz einfach durch Verben ersetzen können.

Beispiel

Original: "Ohne Allgemeinverbindlichkeitserklärung oder einzelarbeitsvertragliche Vereinbarung hat der Tarifvertrag nur für Mitglieder der Tarifvertragsparteien Geltung."

 

Leichte Sprache: "Soweit ein Tarifvertrag nicht für allgemeinverbindlich erklärt wird oder die Geltung einzelarbeitsvertraglich vereinbart wurde, gilt er nur für Mitglieder der Tarifvertragsparteien."

 

4. Fremdwörter, Fachbegriffe und Abkürzungen erklären

In vielen Schreibratgebern finden Sie die Empfehlung, Fremdwörter und Fachbegriffe möglichst ganz zu vermeiden. Das ist in juristischen Texten beinahe unmöglich – jedenfalls, wenn die Beiträge auch wirklich präzise und korrekt bleiben sollen. Unterschiedliche juristische Sachverhalte haben nun einmal konkrete Bezeichnungen. Die dürfen und sollen Sie natürlich auch auf Ihrer Kanzleiwebsite benutzen. Aber was ist mit den Lesern, die Ihre Texte ohne juristisches Wissen lesen? Unterstützen Sie diese Leser, indem Sie Fachbegriffe und Fremdwörter kurz erklären, wenn Sie sie das erste Mal verwenden.

Beispiel

Original: „Soweit ein Tarifvertrag nicht für allgemeinverbindlich erklärt oder die Geltung einzelarbeitsvertraglich vereinbart wurde, gilt der jeweilige Tarifvertrag nur für die Mitglieder der Tarifvertragsparteien.“

Leichte Sprache: „Tarifverträge werden von den sogenannten Tarifvertragsparteien verhandelt. Das sind Arbeitgeberverbände (Arbeitgebervertreter) und Gewerkschaften (Arbeitnehmervertreter). Zunächst gilt ein Tarifvertrag auch nur für die Mitglieder dieser Tarifvertragsparteien. Allerdings kann das Bundesarbeitsministerium dafür sorgen, dass ein Tarifvertrag auch für andere Unternehmen gilt – indem es ihn für „allgemeinverbindlich“ erklärt. Alternativ können Arbeitnehmer und Arbeitgeber auch im individuellen Arbeitsvertrag vereinbaren, dass ein bestimmter Tarifvertrag gelten soll.“

5. Beispiele nutzen

Ein mächtiges und zugleich sehr einfach zu nutzendes Werkzeug sind Beispiele. Manchmal ist es vielleicht nicht möglich, eine konkrete juristische Formulierung so umzuschreiben, dass sie verständlicher wird. Dann hilft es, diese Formulierung an einem Beispiel zu erklären, das der Laie aus seinem eigenen Erleben kennt.

Nehmen wir an, der Satz aus unserem Beispiel dürfte nicht verändert werden. Dann könnten Sie den Text aber wie folgt ergänzen:

„Soweit ein Tarifvertrag nicht für allgemeinverbindlich erklärt oder die Geltung einzelarbeitsvertraglich vereinbart wurde, gilt der jeweilige Tarifvertrag nur für die Mitglieder der Tarifvertragsparteien.

Lassen Sie mich an einem Beispiel erklären, was das bedeutet: Herr Müller tritt in einigen Tagen eine neue Arbeitsstelle an. Er wird als Wachmann im Objektschutz in einer großen Stadt in Bayern eingesetzt. Sein neuer Arbeitgeber ist kein Mitglied in einem Arbeitgeberverband und Herr Müller selbst gehört auch keiner Gewerkschaft an. Das ist wichtig, weil Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften als sogenannte Tarifvertragsparteien Tarifverträge aushandeln können. Wären Herr Müller und sein Arbeitgeber Mitglied in einer solchen Tarifvertragspartei, würde der Tarifvertrag für das Wach- und Sicherheitsgewerbe automatisch für sein Arbeitsverhältnis gelten. Damit bekäme Herr Müller zum Beispiel auch den Tariflohn. In seinem Fall aber müsste Herr Müller mit seinem Arbeitgeber Lohn und Arbeitsbedingungen individuell aushandeln.

Doch er hat Glück: Das Bundesarbeitsministerium hat den Lohntarifvertrag für das Wach- und Sicherheitsgewerbe in Bayern nämlich für allgemeinverbindlich erklärt. Das bedeutet, dass der Tarifvertrag für alle Bayerischen Unternehmen aus dem Wach- und Sicherheitsgewerbe gilt – ebenso wie für alle Sicherheitskräfte, die in Bayern eingesetzt werden. Solange Herr Müller also in der Bayerischen Stadt arbeitet, muss sein Arbeitgeber ihm den Tariflohn zahlen. Wäre der Tarifvertrag nicht allgemeinverbindlich, bekäme Herr Müller den Tariflohn nur, wenn in seinem Arbeitsvertrag geregelt wäre, dass der Tarifvertrag gelten soll.“

Auch mit diesen fünf Tipps wird aus einem juristischen Text natürlich kein lockerer Roman. Hinzu kommt, dass Texte mit diesen Hilfsmitteln in der Regel länger werden. In den meisten Fällen nehmen Leser das aber gern hin, wenn sie dafür am Ende verstanden haben, worum es geht – und wie sie sich bei ihrem eigenen Rechtsproblem helfen können. Und davon profitieren Sie am Ende auch selbst: Zum einen, weil Interessierte allgemeine Fragen nicht mehr am Telefon stellen, wenn sie die Antworten bereits auf Ihrer Website finden. Zum anderen – und das ist der wichtigere Punkt – weil Sie auf diese Weise Hemmschwellen abbauen. Menschen mit einem Rechtsproblem, die sich auf Ihrer Website souverän und verständlich informiert fühlen, fassen Vertrauen. Sie setzen darauf, dass Sie auch in der persönlichen Beratung juristische Fragen so erörtern können, dass sie selbst sich nicht „dumm“ fühlen müssen. Und das ist der beste Auftakt für eine erfolgreiche Mandantenbeziehung.

Personal Management in Anwaltskanzleien: Warum Fachkräfte kündigen wollen und wie Sie dies verhindern

28.10.2021 - Anhaltender Personalmangel ist eines der größten Probleme, denen sich Rechtsanwaltskanzleien heutzutage…